Ernst Federn: Versuche zur Psychologie des nationalsozialistischen Terrors

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Roland Kaufhold (Hg.) 2014 (3. erw. Aufl.): Gießen (Psychosozial-Verlag)

REZENSIONEN

Jüdische Allgemeine am 29. Oktober 2014 - Rezension von Martin Jander

»Der österreichische Psychoanalytiker Ernst Federn ist in Deutschland bis heute nicht sehr bekannt. Der 1914 in Wien geborene und 2007 dort gestorbene Wissenschaftler überlebte die Konzentrationslager von Dachau und Buchenwald. Er gilt in Fachkreisen als Pionier der psychologischen Analyse des Lebens in Konzentrationslagern sowie einer psychoanalytisch orientierten Pädagogik und Sozialarbeit. (…) Wenn es jemanden gibt, der dafür gesorgt hat, dass das Erbe des 1914 in Wien geborenen Mannes vor allem im deutschsprachigen Raum nicht verloren ging, dann war es der 1961 geborene Roland Kaufhold, der in Köln als Sonderschullehrer arbeitet und zur Biografie- und Exilforschung, zur psychoanalytisch-pädagogischen Bewegung und zu Israel publiziert und auch Autor der Jüdischen Allgemeinen ist. Ohne den Sozialpädagogen hätte eine breitere Rezeption von Biografie und Werk Ernst Federns nicht stattgefunden.« Mehr: http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/20524

 

Werkblatt. Zeitschrift für Psychoanalyse und Gesellschaftskritik Nr. 76 (H. 1/2016) - Rezension von Andreas Peglau

Federn wird nicht müde, zu betonen, dass es nötig ist, aus diesen speziellen Erfahrungen mit dem NS-Terror Schlüsse für die Gegenwart zu ziehen: Die Welt ist „dauernd bedroht von Massakern und Verletzungen der Menschenrechte“, die Ausübung des Terrors ist „immer gleich, ganz egal, wo oder von wem oder wofür er benutzt wird“ (S. 7f.), Terror findet statt „in allen Haftanstalten und Zwangslagern der modernen Diktaturen […], überall dort, wo einzelne Bewaffnete gegenüber Zivilisten eine unbeschränkte Macht auszuüben imstande sind“ (S. 54).     

Gerade diese Verallgemeinerbarkeit zeigt, warum es zeitgemäß war, dieses 1998 erstmals erschienene Buch nun, ergänzt um ein einfühlsames und kompetentes Vorwort von Roland Kaufhold, erneut herauszubringen: Wir können und sollten uns beim Lesen sowohl mit unserer Vergangenheit wie auch mit unserer Gegenwart befassen, uns auch fragen, was von all den geschilderten damaligen Torturen noch immer angewandt wird – und welche Konsequenzen das hat, auch für uns. 

 

Zeitschrift für psychoanalytische Theorie und Praxis, 30. Jahrgang, Heft 2/2015 - Rezension von Galina Hristeva

Der Psychosozial-Verlag hat nun pünktlich zum 100. Jubiläum des Autors eine von Roland Kaufhold bestens edierte Neuauflage dieser Studien vorgelegt. Laut Kaufhold handelt es sich bei diesem Werk Ernst Federns um eine »grundlegende psychoanalytische Studie über den Terror«, um einen »Klassiker einer Psychologie des Terrors«, der bisher leider »weitestgehend unbekannt« geblieben ist. (…) Federns ›Versuch einer Psychologie des Terrors‹ ist sehr verdienstvoll – unter anderem, weil es der Autor schafft, jene ›verbrecherischen Ereignisse, existentiellen Tragödien, die unser menschliches Vorstellungsvermögen übersteigen‹ (Kaufhold, S. 29) in einer klaren, nüchternen Sprache zu erfassen. Mehr: http://zptp.quotus.org/data/article/4899/pdf/30_2_9.pdf

 

Der Tagesspiegel am 16. Juni 2014 - Rezension von Caroline Fetscher

Einer der couragiertesten Gewaltforscher war der Wiener Psychoanalytiker Ernst Federn (1914–2007), dessen zentrale Texte eben neu aufgelegt worden sind. Seine ›Versuche zur Psychologie des nationalsozialistischen Terrors‹ versammelt ein von Roland Kaufhold exzellent edierter Band, der Aufsätze des Überlebenden von Dachau und Buchenwald aus dem Zeitraum von 1946 bis 1996 enthält, sowie neue Essays zu Federn (…) Es ging Ernst Federn im Sinne von Adornos Studien zum autoritären Charakter darum, zu erkunden, wie man Menschen so zur Mündigkeit erzieht, „dass sie nicht zu potentiellen Massenmördern werden. Mehr: http://www.tagesspiegel.de/kultur/literaturkolumne-flugschriften-federn-lesen/10044286.html

 

www.socialnet.de - Rezension von Prof. Dr. Wolfgang Frindte

Es ist vor allem dem Publizisten und Pädagogen Roland Kaufhold zu verdanken, dass wir uns heute nicht nur an Ernst Federn erinnern können, sondern seine Arbeiten über die Psychologie des Terrors lesen und auf ihre Aktualität überprüfen können (…) Die Arbeiten von Ernst Federn zur Psychologie des Terrors beziehen sich fast ausschließlich auf den Terror in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern.  Sie zeigen aber darüber hinaus, und das verweist auf ihre Aktualität, wie terroristische Systeme und Organisationen funktionieren und wie die Opfer die psychischen und physischen Torturen erleiden und bewältigen. (…) Der Band ist in seiner Neuauflage eine gelungene Würdigung zum 100. Geburtstag des Protagonisten und, wie gesagt, eine informative Quelle für historisch und psychoanalytisch interessierte Leserinnen und Leser. Mehr: https://www.socialnet.de/rezensionen/16958.php

 

Trauma. Jahrbuch für Literatur und Psychoanalyse, Bd. 19, 2000 - Dr. Bernd Nitzschke

In den KZs wurde aus solchem Terror ein ausgefeiltes System, ein Netz, in dem sich die Opfer unheilvoll mit den Tätern verfingen. Ernst Federn, der 1938 in Wien als Trotzkist verhaftet worden war, beschreibt die Psychologie des Terrors und der Terroropfer aus eigener Erfahrung. Er hat sie nach seiner Freilassung aus dem KZ Buchenwald in einem Bericht niedergelegt: Selbst politische Häftlinge, die in Buchenwald "Lagerfunktion" übernommen hatten, wurden dort "wider ihren Willen zum Werkzeug der SS". In dem von Roland Kaufhold herausgegebenen Band findet sich im Anhang auch eine Dokumentation des Briefwechsels Federns mit Bruno Bettelheim, der bis 1939 in Buchenwald inhaftiert war und danach in die USA emigrieren konnte. Und so ist dieser Band nicht nur Lesern zu empfehlen, die grundlegend über Traumatisierungsfolgen bei politischen Gefangenen informiert werden wollen, sondern auch Lesern, die sich für die in die Zeitgeschichte verwobene Geschichte der Psychoanalyse interessieren.

 

Zeitschrift für das Fürsorgewesen, 67. Jahrgang, April 2015 - Rezension von Birgith Supplieth

In dem vielschichtigen Buch liefert Federn sozialpsychologische Studien über den Terror aufgrund seiner eigenen Erfahrung und Leidensgeschichte wegen langjähriger Inhaftierung als politischer Gefangener in den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald. Nach seiner Befreiung absolvierte er ergänzend zu seinem vorhandenen Beruf eine Ausbildung als Psychotherapeut, die Idee zu den Studien hatte er aber bereits anlässlich eines Vorfalls im KZ im Jahr 1940. Er nutzte die folgenden Lagerjahre in Gesprächen mit Bruno Bettelheim, den er als Mithäftling kennenlernte, um die selbst erlittenen und beobachteten Grausamkeiten und Geschehnisse wissenschaftlich zu diskutieren. Dies war später die Grundlage für seine Niederschrift. Hierbei berichtet der Autor sowohl aus Opfer- als aus Tätersicht. Ernst Federn ist ein wichtiger Zeitzeuge, seine sehr differenzierte Sicht auf das Innenleben des Lagers stellt als Mikrokosmos ein Abbild des totalitären »Großen Reiches« dar.

 

Werkblatt Nr. 76 H. 1 / 2016 – Rezension von Andreas Peglau

„Im Zentrum des Buches stehen Ernst Federns Erfahrungen im KZ Buchenwald, wo er von 1939 bis 1945 interniert war. Auch hier wieder verfasst Federn keinen bloßen Erfahrungsbericht, sondern eine Psycho-Analyse des Systems Lager. In diesem waren, wie er belegt, die Grenzen zwischen „Gut“ und „Böse“ weit weniger klar gezogen, als man vermuten könnte. (…)Gerade diese Verallgemeinerbarkeit zeigt, warum es zeitgemäß war, dieses 1998 erstmals erschienene Buch nun, ergänzt um ein einfühlsames und kompetentes Vorwort von Roland Kaufhold, erneut herauszubringen: Wir können und sollten uns beim Lesen sowohl mit unserer Vergangenheit wie auch mit unserer Gegenwart befassen, uns auch fragen, was von all den geschilderten damaligen Torturen noch immer angewandt wird – und welche Konsequenzen das hat, auch für uns.“

 

Arbeitshefte Kinderpsychoanalyse – Rezension von Achim Perner

Federns unorthodoxe Beschreibungen und Analysen, die mit den allzu einfachen Zuordnungen von Gut und Böse brechen, zeigen, was psychisch mit den Menschen geschehen ist, nachdem die Nazis an die Macht gekommen waren, um verhindern zu helfen, daß es noch einmal dazu kommt.
 

Listen, Rezensionszeitschrift Nr. 56, 2000 - Dr. Marianne Kröger

Als Wilhelm Rösing 1992 seinen Dokumentarfilm "Überleben im Terror - Ernst Federns Geschichte" im Frankfurter Filmmuseum erstaufführte, wurde der Wiener Psychoanalytiker Ernst Federn hierzulande einem breiteren Publikum bekannt. Er berichtete darin als Zeitzeuge nicht nur von den sieben Jahren Haft im Konzentrationslager Buchenwald, sondern - und das war thematisch neu und vielen unbekannt - auch von der Gefahr, der er als damaliger Trotzkist auch von Seiten der kommunistischen Funktionshäftlinge ausgesetzt war, welche in Buchenwald nach dem "Teile und herrsche"-Prinzip der Nazi eine interne Lagerhierarchie hatten aufbauen dürfen und dementsprechend bestimmte Häftlinge begünstigten und andere - wie ihn - benachteiligten, was unter den dortigen Bedingungen immer mit Todesgefahr verbunden war. Der Filmbericht brach mit dem Mythos der solidarischen Einheit der (politischen) Häftlinge unterinander. Ernst Federn ließ jedoch keinen zweifel daran, daß "alle diese Dinge (...) doch nur Anklagen gegen den faschistischen Terror und nicht gegen seine Opfer" sind.

In Buchenwald begann auch die lebenslange Freundschaft zwischen Federn und Bruno Bettelheim. In dieser Situation des vollständigen Ausgeliefertseins fanden sie ein Mittel zum Überleben dadurch, daß sie sich nicht als leidende Opfer betrachteten, sondern als gemeinsame stille Beobachter des im Lager herrschenden NS-Terrors. Sie wollten insbesondere die psychologischen Mechanismen von Terror und Sadismus sachlich ergründen, eine "Psychologie der Extremsituation" erarbeiten und notierten an Ort und Stelle einige Beobachtungen und Überlegungen. Ernst Federn gelang es, bereits 1945 und 1946 zwei wissenschaftliche Studien zu diesem Thema fertigzustellen, an deren Veröffentlichung zunächst allerdings kein Interesse bestand und die zum Teil erst später in Belgien und Frankreich erschienen und innerhalb der Fachliteratur auf keine Resonanz stießen. Im vorliegenden Buch werden - neben anderen Aufsätzen, beispielsweise gedenkenden Erinnerungen an ermordete Mithäftlinge und Sekundärliteratur - diese beiden aufschlußreichen Analysen "Versuch einer Psychologie des Terrors" und "der Terror als System: das Konzentrationslager", die auch eine ungeschminkte und nüchterne Wiedergabe des Lageralltags in Buchenwald enthalten, nun erstmals (!) zusammenhängend publiziert. Bemerkenswert an jenen Aufzeichnungen ist ebenso, daß sich der Häftling Ernst Federn als Psychoanalytiker bemühte, sich nicht nur mit seiner eigenen Situation, sondern auch mit den konstatierten Verhaltensmechanismen seiner Peiniger auseinanderzusetzen und somit sowohl über deren äußere und innere Zwänge reflektierte als auch über die Wechselwirkung zwischen Leidendem und Peiniger und ihren Konsequenzen. Was Ernst Federn damals und heute hervorhebt, ist, daß er mit seinen Studien ein Terrorsystem wie das Nazi-Regime keineswegs historisieren will, sondern terroristische Regime, deren Intention die Vernichtung des Gegners ist, auch als zukünftige Bedrohung der Menschheit betrachtet. Die Fähigkeit, ein terroristisches System aufzurichten, bestünde immer, schreibt er: "Nur kann verhindert werden, daß diese Fähigkeit zur Wirklichkeit wird." Daran arbeitet er seitdem sein ganzes Leben lang, praktisch und theoretisch.

 

Bulletin Trimestriel de la Fondation Auschwitz, No. 69, Oktobre-Décembre 2000

Cet ouvrage s´ouvre sur la vie du psychiatre trotskiste Federn qui, prisonnier politique à Dachau et à Buchenwald, ne dut pas seulement craindre les SS mais aussi les staliniens du camps qui essayèrent de le liquider. La suite est dédiée aux grand textes de Federn, tel l´ Essai sur la psychologie de la terreur paru à Bruxelles en 1946. On y trouvera en outre les fac-similés des correspondances échangées entre Bettelheim et Federn.

 

Hessische Lehrerzeitung (HLZ), Nr. 11-12/1999 - Harald Freiling

Roland Kaufhold, Diplompädagoge und Sonderschullehrer in Köln, ist es zu verdanken, dass Lebensgeschichte und Lebenswerk des Psychoanalytikers und Sozialtherapeuten Ernst Federn nicht in Vergessenheit geraten. Ernst Federn, 1914 in Wien geboren, war von 1938 bis 1945 Häftling in den Konzentrationslagern Buchenwald und Dachau. Seine Beobachtungen und Eindrücke, seine Gespräche mit dem Mit-Häftling Bruno Bettelheim veranlassten ihn zum "Versuch einer Psychologie des Terrors" (1945/1948). Die Konzentrationslager erscheinen in seiner eindrucksvollen, von eigenen Erfahrungen gesättigten Studie "als gespenstischer, psychotischer Mikrokosmos" und als ein Abbild des totalitären NS-Systems. Ernst Federn, der in diesem Jahr 85 Jahre alt wird, und seine Frau Hilde leben in Wien.