Edith Jacobson: Gefängnisaufzeichnungen

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Judith Kessler & Roland Kaufhold (Hg.) (2015): Gießen (Psychosozial-Verlag)

REZENSIONEN

Buch des Monats: Konkret Februar 2016 – Rezension von Tjark Kunstreich

"Nun ist, nach 80 Jahren, ein Konvolut von Gefängnisaufzeichnungen im Privatarchiv der Sozialwissenschaftlerin Judith Kessler, der Mitherausgeberin des Buches, aufgetaucht, nachdem sie ihn aus dem Nachlass ihrer Mutterübernommen hatte. Dieses schwarze Heft und einige einzelne Seiten beinhalten Tagebucheinträge aus den ersten Tagen nach der Verhaftung, zahlreiche Gedichte sowie zwei theoretische Versuche, die sie später ausarbeiten sollte. (...)

Der Coherausgeber Roland Kaufhold trägt in einem Beitrag zusammen, was über Jacobson bekannt ist, und stellt ihre Biografie in den Kontext jener Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker, die gegen den Nazi-Faschismus Widerstand geleistet haben. (…) Im Februar 1938 bekam sie wegen Krankheiten Hafturlaub und konnte aus der Klinik über Prag nach New York fliehen, wo sie noch über 30 Jahre als Psychoanalytikerin praktizierte. Da sie selbst nie wieder über ihre Haft und ihr Leben in Deutschland gesprochen hat, sind diese Aufzeichnungen aus dem Gefängnis ein bedeutender Beitrag zu ihrer Biografie: Sowohl in den Gedichten, die von der Autorin kaum zur Veröffentlichung vorgesehen waren, als auch in den klinischen Aufzeichnungen scheint durch, was sie auch weiterhin beschäftigen sollte.“

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Einsicht (Hg. Fritz Bauer Institut): Rezension von Galina Hristeva

"Veröffentlicht wurden diese »Gefängnisaufzeichnungen« erst 2015 dank dem außergewöhnlichen Engagement der Journalisten und Sozialwissenschaftler Judith Kessler und Roland Kaufhold und des Psychosozial-Verlags. Judith Kessler, die das »Schwarze Heft« bereits 1988 mit dem Nachlass ihrer Mutter erhalten hatte, berichtet über die »Verkettung von Zufällen« (S. 13), die dazu führte, dass sie »ein Vierteljahrhundert auf Jacobsons Gefängnisnotizen saß« (S. 11). Roland Kaufhold zeichnet kenntnisreich und ergreifend die Biografie der Jüdin, Psychoanalytikerin und Widerstandskämpferin Jacobson nach. (...) Das Dilemma Wissenschaft oder Politik entscheidet Jacobson für sich schnell: »Als ich jung war, habe ich mich für Politik nicht interessiert. Mich interessierte einzig und allein die Wissenschaft […]. Aber dann, Ende der zwanziger Jahre, begann Hitlers Aufstieg, und schon bald hatte er immer größere Massen hinter sich. Hier lauerte eine Gefahr, das spürte ich. Ich hörte seine Reden und las Mein Kampf, und ich war entsetzt.« (...) Das »Schwarze Heft« ist ein Ereignis. Trotz der ausbleibenden Unterstützung vieler ihrer deutschen Kollegen, trotz der Streichung ihres Namens aus der Mitgliedsliste der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft und trotz des skandalösen Schulterschlusses der damaligen offiziellen Psychoanalyse mit dem nationalsozialistischen Regime – unrühmliche Tatsachen, die uns hier von Roland Kaufhold wieder ins Gedächtnis gerufen werden – zeigen Jacobsons Haftnotizen die Stärke einer Frau, die sich vom nationalsozialistischen Terror nicht einschüchtern ließ – und das Gesicht und den Zauber der anderen, der freiheitsliebenden, widerständigen Psychoanalyse." (Einsicht Nr. 15, Frühjahr 2016). Mehr: http://www.recensio.net/rezensionen/zeitschriften/einsicht/2016/15/ReviewMonograph582478013/@@generate-pdf-recension?language=de

socialnet.de: Rezension von Sabine Kamp

»E. Jacobsons Aufzeichnungen aus dem Gefängnis sind sehr persönlich, sowohl die Erschütterung der Anfangszeit als auch die Solidarität im Verlaufe spiegelnd. Beeindruckend auch ihre Weiterarbeit an wissenschaftlichen Themen (s.o.) im Gefängnis und der Umgang damit…« Mehr: http://www.psychosozial-verlag.de/catalog/rezensionen.php?id=2663

Berlin-Woman.de: Rezension von Sabine Kamp

»Die biografischen Notizen erhellen die Situation fortschrittlicher PsychologInnen in den 1930er Jahren und zeigen, dass man durchaus erkennen konnte, wohin sich das Land politisch bewegte, welche Spielräume es gab und wie weit der vorauseilende Gehorsam ging…« Mehr: http://www.psychosozial-verlag.de/catalog/rezensionen.php?id=2662

HaGalil.com: Rezension von Ramona Ambs

»Spannend wie ein Krimi liest sich diese Geschichte, die gleichermaßen von Edith, als auch von Judith erzählt…« Mehr: http://buecher.hagalil.com/2015/07/jacobson/

aviva-berlin.de: Rezension von Ramona Ambs

»Ein Vierteljahrhundert lagen die Aufzeichnungen von Edith Jacobson bei Judith Kessler in der Schublade. Dann endlich fanden die Tagebuchnotizen, Gedichte und Analysen der jüdischen Psychoanalytikerin den Weg in die Öffentlichkeit. Sie erzählen von der Angst, von Mut und der Hoffnung auf Freiheit…« Mehr: http://www.aviva-berlin.de/aviva/Found.php?id=14191479

Literaturkritik.de 10/2015: Rezension von Bernd Schneid

»Der aus dem ›schwarzen Heft‹ aufbereitete Text und das anschließend komplett gedruckte Faksimile bieten die Möglichkeit, einen minutiösen Blick auf dieses psychoanalytische und jüdisch-deutsche Dokument einer engagierten jungen Frau zu werfen, welche die Emigration für ihre Patienten zu lange hinausgezögert und sich damit selbst in Lebensgefahr gebracht hat…« Mehr: http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=21172

Werkblatt 2/2015: Rezension von Andreas Peglau

„...Zunächst berichtet Kessler, warum ihr erst spät der Wert jenes "schwarzen Heftes" aufging, das ihr bereits 1988 vererbt worden ist. Dabei verbindet sie gekonnt persönliche Reflektionen mit Faktendarstellung. Respektvoll und sensibel setzt sie sich dann mit Facetten der Mitteilungen Jacobsons auseinander. Dem folgt eine knappe, aber umfassende biografische Skizze Roland Kaufholds, die zugleich den Rahmen von Jacobsons antifaschistischem Engagement absteckt: der Anpassungskurs von DPG, IPV, Sigmund und Anna Freud gegenüber dem NS-System, der auch beinhaltete, "linke" und widerständische Aktivitäten in den eigenen Reihen zu unterdrücken und verächtlich zu machen. Solidarität erfuhr Racobson nach ihrer Inhaftierung daher in erster Linie von Einzelpersonen wie Otto Fenichel - der ihr 1938 maßgeblich zur Flucht in die USA verhalf - sowie Nic Hoel und Wilhelm Reich. Auch Hoel, Reich, Edith Buxbaum, Karl Friedjung, Marie Langer, Käthe Draeger und andere NS-Gegner werden von Kaufhold als Antipoden einer sich seit 1933 immer "unpolitischer" gebärdenden Psychoanalyse gewürdigt. (...)  Ihre Gedichte, die den größten Teil der Aufzeichnungen ausmachen, lesen sich daher oftmals wie ein gereimtes Hafttagebuch: „Wie ausgelöscht versackt das innere Leben,/ und todesmatt legt man sich elend nieder,/ um andern Tags sich elend zu erheben.“ Doch der Verzweiflung setzt sie immer wieder Selbstbesinnung und -ermutigung entgegen. Zusätzlich zu den Berichten Ernst Federns, den Aufzeichnungen des 1943 hingerichteten John Rittmeister und dem, was ansonsten über antifaschistisches Engagement von Analytikern bekannt ist, liefern Kessler und Kaufhold einen weiteren Mosaikstein für ein längst überfälliges Forschungsprojekt: Psychoanalyse gegen den Faschismus.“

Luzifer-Amor, 30. Jg., H. 59 (2017): Günther Molitor

»Wer wird mich vergessen haben?« fragte die Berliner Psychoanalytikerin Edith Jacobssohn in ihren Gefängnisnotizen am 9. September 1935, zwei Wochen nach ihrer Festnahme durch die Gestapo und Inhaftierung im Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit, wo ihr am 5. Dezember 1935 die Anklage wegen Hochverrat eröffnet wird. Ihr wird vorgeworfen, die Widerstandsgruppe Neu Beginnen unterstützt und zwei ihrer Mitglieder als Patientinnen behandelt zu haben. Mit der Verhaftung der Ärztin, Psychoanalytikerin, Sozialistin und Jüdin, die dem Unterrichtsausschuss des Berliner Psychoanalytischen Instituts angehörte, war der Gestapo ein Schlag gelungen, der nicht nur Neu Beginnen erheblich traf, sondern auch die nationale und internationale Psychoanalyse. Während die meisten jüdischen Psychoanalytiker nach Hitlers Machtergreifung fluchtartig Deutschland verließen, führte Jacobssohn ab Herbst 1933 quasi ein Doppelleben. (...) Der nun vorliegende Band, ediertvon der Sozialwissenschaft lerin und Autorin Judith Kessler und dem Psychohistoriker Roland Kaufhold, macht erstmals Jacobssohns Haftnotizen der ersten zwölf Gefängnistage, ihre Gedichte aus einem »Schwarzen Heft« und ihre in der Haft entstandenen wissenschaftlichen Arbeiten zugänglich.
In einem einleitenden Beitrag zeichnet Kessler nach , wie sie »ein Vierteljahrhundert auf Edith Jacobssohns Gefängnisnotizen saß«, nach dem sie 1988
ohne besonderes Interesse den Nachlass ihrer Mutter, bestehend aus einigen Kartons mit Papieren und Bildern, übernommen hatte. (...) Erst ein Gespräch mit Roland Kaufhold zehn Jahre später regte sie an, sich gründlich mit dem Heft zu beschäft igen (...) Die Motive und die Funktion des
Gedichteschreibens bei Inhaftierten hat Jacobson in einer 1949 veröffentlichten Studie als »Drang nach künstlerischer Arbeit« (S. 36) und Ausdruck einer Regression auf die Entwicklungsstufe der Adoleszenz und ihrer »emotionalen Tumulte« (S. 35) analysiert, die insbesondere bei politischen Gefangenen, so auch bei ihr, zu beobachten war. Im »Dichten« findet sie Trost, Ablenkung, Erinnerung und Konzentrationsübung. (...) Nach der Melodie
des Preußenlieds (!) dichtet Jacobssohn in drei Strophen ihr Bekenntnis »Ich bin ein Deutscher … Ich bin ein Jude … Ich bin ein Mensch« (S. 112/S. 136) und zeigt in ergreifender Weise, zu welcher menschlich en Größe sie selbst unter schlimmsten Gewaltverhältnissen in der Lage war: »Nicht
Hassen hilft, nicht Schlagen! Mit Menschenwürde tragen, und warten, bis der Mensch zur Liebe gereift , und furchtlos fremde Mensch enhand ergreift « (S. 112). (...) Dass Judith Kessler diesen Schatz zunächst lange unwissend bewahrt und dann doch noch entdeckt hat, ist ihr hoch anzurechnen."

junge Welt 18.2.2016: Rezension von Matthias Reichelt

"Die Gefängnisaufzeichnungen der Psychoanalytikerin Edith Jacobson sind ein berührendes Zeitdokument ... Edith Jacobson ... durchlitt schwere Depressionen, doch gelang es ihr, Aufzeichnungen zu machen und Lyrik zu verfassen. ... Judith Kessler und Roland Kaufhold haben die Aufzeichnungen transkribiert, Artikel hinzugefügt und unter dem Titel »Gefängnisaufzeichnungen« als Buch veröffentlicht. In einem berührenden Text erzählt Kessler, wie sie "ein Vierteljahrhundert auf Edith Jacobsons Gefängnisnotizen saß". ... Dunkel erinnerte sie sich an die schwarze Kladde aus dem Nachlass der Mutter. Die Frage, wie das Heft in den Besitz von Judith Kesslers Mutter gelangte, konnte bislang nicht geklärt werden." Mehr: https://www.jungewelt.de/2016/02-18/046.php

Zeitschrift für Individualpsychologie, 41. Jg. 4/2016: Prof. Dr. Gerd Lehmkuhl

»Das vorliegende Buch publiziert die Gefängnisaufzeichnungen von Edith Jacobson und die in der Untersuchungshaft entstandenen Gedichte zum ersten Mal faksimiliert und in einer Abschrift. Einleitend stellt Hermann Simon fest, dass die abgedruckten Notizen und Gedichte besonders wertvoll sind, weil diese ganz persönlichen Aufzeichnungen uns ihr Schicksal als Verfolgte, als ehemaliger britischer Häftling und als jüdische Emigrantin nahe bringen.«
»Es ist beeindruckend und emotional berührend, wie sich Edith Jacobson mit ihrer ausweglosen Situation auseinandersetzt, sie reflektiert und beschreibt und Betrachtungen über die physischen und psychischen Haftwirkungen festhält.«
»Ihre Gedichte kreisen um den Gefängnisalltag, ihr Dasein in Moabit, ihr früheres Leben sowie die grausamen Wirklichkeiten der Haft. Es sind beeindruckende Zeugnisse, ernste, traurige, aber auch witzig-heitere Verse, die weit über die Gefängnismauern hinausweisen, ›Verse über Identität, die Sehnsucht nach einem brüderlichen Zusammenleben zwischen Deutschen und Juden‹.«
»Zusammenfassend stellt das Buch einen wichtigen Beitrag über das Schicksal einer im Nationalsozialismus verfolgten jüdischen Psychoanalytikerin dar, deren Aufzeichnungen den heutigen Leser tief beeindrucken und ein Plädoyer gegen das Vergessen und für das ›Wiedererinnern‹ des Wirkens Edith Jacobsons im deutschsprachigen Raum darstellen.«

fachjournal 1/2017: Rezension von Dieter Schmidmaier

... "Die o.g. Aufzeichnungen entdeckt Judith Kessler im Nachlass ihrer Mutter und gibt sie 80 Jahre nach Niederschrift komplett als Abschrift und Faksimile unter dem Titel »Gefängnisaufzeichnungen« heraus. Sie werden von den Herausgebern eingeleitet durch Essays zur Geschichte der Gefängnisnotizen und zu Leben und Werk von Edith Jacobson.
Da finden sich sehr schöne Gedichte, d.s. verschiedene Erinnerungen, Naturbeobachtungen und Metaphern, zwischen diesen in der Heftmitte vier Seiten Selbstbeschreibungen »Einige Betrachtungen über physische und psychische Hafteinwirkung« mit dem Fazit: »Depersonalitätserscheinungen: Unwirklichkeitsgefühle; unmöglich, daß man das hier ist, traumartiges Empfinden!« (S. 110), abschließend eine Arbeitsskizze »Zur Technik der Analyse Paranoider«.
Eine interessante Ergänzung zur Geschichte der Psychoanalyse und des Widerstandskampfes gegen den Nationalsozialismus."

Weiterführende Beiträg über Edith Jacobson von Roland Kaufhold:

Biografien: Roland Kaufhold: Edith Jacobson (10.9.1897 – 8.12.1978), in: psyalpha - Wissensplattform für Psychoanalyse, 2015: Internet: http://www.psyalpha.net/biografien/edith-jacobson/roland-kaufhold-edith-jacobson-1091897-8121978

„Innerer Schwur durchzuhalten um jeden Preis“. Vor 80 Jahren wurde die Berliner Psychoanalytikerin und Widerstandskämpferin Edith Jacobson (10.9.1897 – 8.12.1978) in Berlin-Moabit inhaftiert, haGalil, 22.10.2015: http://www.hagalil.com/2015/10/jacobson/